Newsletter 10/2004
Newsletter-Archiv

"Krise ist ein produktiver Zustand - man muss ihr nur den Beigeschmack von Katastrophe nehmen." Max Frisch

"Man muß nicht in jeder Pfütze gelegen haben, um das Leben zu kennen." Der Vater einer Kollegin, Hr.Schäfer

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1. Über Höhlenforscher und den "Confirmation Bias"
oder warum es so schwer ist Neues zu denken und zu entdecken!

2. Workshop "Hilfreiche Fragen" - Jetzt Anmelden!
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Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie eigentlich Höhlenforscher zu Ihren Ergebnissen kommen?

Es waren einmal bedeutende Höhlenforscher, die sich zusammentaten, um eine noch nicht erforschte Höhle zu untersuchen.
Alle bereiteten sich intensiv auf die Begehung und Erforschung der Höhle vor. Insbesondere der Wahl einer kräftigen und funktionstüchtigen Taschenlampe kam eine entscheidende Bedeutung zu. Sie trafen sich vor der Höhle, jeder in entsprechender Kleidung und mit jener besagten Taschenlampe ausgerüstet. Mutig schritten Sie ins Innere der noch nicht erforschten Höhle. Wegen der vielen Gänge teilten Sie sich auf und erkundeten mit Hilfe Ihrer Lampen die Höhle. Mit Ihren Lampen entdeckten sie neue Verzweigungen und Seitengänge.
Anschließend trafen sie sich vor dem Eingang. Aufgeregt berichteten sie von Ihren Forschungsergebnissen, die doch recht unterschiedlicher Natur waren. Jeder hatte das erforscht, was er mit seiner Lampe beleuchtet hatte.
(Quelle: Tasso Zissis)

Das Erkunden von Höhlen und Landschaften ist eine heikle Sache. In der Tat brauchen wir Hilfsmittel, um zu untersuchen und zu erforschen. In unserem Falle bedarf es besonders leuchtstarker Taschenlampen. Doch woher wissen wir, wohin wir unsere Taschenlampe halten, was wir fokussieren? Was leitet uns dabei? Was ist mit den Stellen, die wir nicht beleuchtet haben? Und was ist mit dem, was wir neu entdecken? Wie verarbeiten wir das und bauen es in unser (Höhlen-) Verständnis bzw. Wissen ein?

Erweitern wir unseren Horizont durch eine weitere Geschichte, einer wahren Begebenheit aus dem forschendem Alltag. Ein Forscher gab seinen Versuchspersonen eine Zahlenreihe: 2-4-6. Die Aufgabe bestand darin herauszufinden, nach welcher Regel er  Zahlen in eine bestimmte Reihenfolge brachte. Dabei durften die Versuchspersonen eigene Zahlenreihen nach der vermuteten Regel konstruieren und der Forscher antwortete mit Ja oder Nein, je nachdem, ob die Zahlnreihe mit der Regel übereinstimmte. Viele lösten das Problem, indem Sie unterstellten, die Regel sei eine aufsteigende Zahlenreihe mit einem Intervall von 2. Also konstruierten Sie Zahlenreihen wie z.B. 6-8-10-12 oder 1-3-5. Der Forscher reagierte jedes Mal mit Ja. Die Versuchspersonen glaubten nun, die Regel gefunden zu haben, ließen sich doch weitere erfolgreiche Zahlenreihen konstruieren. Während sich die Versuchspersonen in angenehmer Sicherheit und einen gewissen Gefühl von erfolgreicher Schläue wogen, erschütterte sie der Forscher mit der Rückmeldung, dass die Regel nicht "ein aufsteigendes Intervall von zwei" sei.
Einige wenige Versuchspersonen gingen anders vor und überprüften Ihre Hypothese, indem Sie dem Forscher absichtlich Zahlenreihen gaben, die ihrer eigenen Hypothese widersprachen, z.B. 3-10-26. Wieder bestätigte der Forscher mit Ja. Die Hypothese war wiederlegt. Durch dieses Verfahren erarbeiteten sich die Versuchspersonen eine neue Regel: Eine Zahlenreihe, beliebig ansteigend. Diese erwies sich als richtig.

Wenn wir neue Landschaften erforschen, fehlt uns aber leider oft jemand, der unsere Hypothesen bestätigt. Vielmehr bilden unsere Hypothesen die Ausgangslage für weitere Hypothesen. Im Bild unserer Höhlenforscher würde das bedeuten, sie beleuchten das, was sie glauben beleuchten zu müssen, letztendlich das, was sie schon kennen. Das Ergebnis des Zahlexperiments verweist auf eine "auf Voreingenommenheit beruhende Bestätigungstendenz" (Confirmation Bias, siehe auch "Pädgaogische Psychologie des Lernens und Lehrens", Gerd Mietzel, Göttingen 2001, S. 35f.). Sich neues Wissen anzueignen ist damit ein schwieriges und bisweilen fast unmögliches Unterfangen, welches bei Zahlenexperimenten noch möglich erscheint. Im Bereich von Überzeugungen und handlungsleitendem Wissen wird dies noch schwieriger.

Eine Möglichkeit dem confirmation bias zu begegenen, ist das Erfragen von Vorwissen und bestehenden Hypothesen. Dann kann man zum einen genauer darauf achten, diese in Frage zu stellen und bewußt Zweifel und Wiedersprüche zu säen. Wer z.B. ein tiefenpsychologisches Vorwissen hat, wird seine Taschenlampe öfters auf Kindheitsthemen richten. Systemiker neigen dazu mit Taschenlampen Kommunikationen auszuleuchten. Mancher Klient neigt dazu, entsprechend seiner (Problem-)Überzeugungen ebenfalls  die eingeschlagene Richtung immer weiter vertiefend auszuleuchten, auch wenn vielleicht gerade gegenüber im Höhlengang eine interessante Abzweigung gewesen wäre. Bekommen wir dann unterwegs noch ein "Ja" zu einer Fokussierung, nehmen wir das als Einladung, diese Richtung noch weiter zu vertiefen.

Einige letzte Fragen: Von was lassen Sie sich, beim Erforschen neuen Geländes leiten? Wie fokusieren Sie? Wie gehen Sie bei der Bewertung dieses Textes vor? Haben Sie innerlich nach Situationen gesucht, die den Text bestätigen oder widersprechen? Passt dieser zu Ihren Überzeugungen oder nicht? Welchen Teil des Textes werden Sie behalten und welchen schnell vergessen?

Manchmal ist es übrigens sinnvoll, die Taschenlampe einfach auszuschalten.

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2. Workshop "Hilfreiche Fragen"

An dieser Stelle möchte ich auf den Workshop "Hilfreiche Fragen" am 13/14.11.2004 verweisen. Fragen sind wie Taschenlampen: Sie fokusieren und beleuchten das Terrain, auf dem Sie und diejenigen, mit denen Sie arbeiten, sich bewegen. Erweiteren Sie den Fokus im Prozess, durch neue, vielleicht auch ungewöhnliche Fragen. Gegen Ihren und den confiormation bias Ihrer Klienten/innen oder Teilnehmer/innen.

www.hilfreiche-fragen.de

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Ihr Uwe Straß

www.uwestrass.de
kontakt@uwestrass.de © Uwe Straß [11/2003]